Die Michaelskirche in Renfrizhausen

— die Kirche überm Dorf

So beschreibt sie Egon Rieble in "Sehen und Entdecken im Kreis Rottweil":

Um in ihre Kirche zum Gottesdienst zu gelangen, müssen die Renfrizhausener einen steilen Weg in Kauf nehmen. Diese schmucke Kirche mit ihrem schmalen Giebel und den drei strengen Fensteröffnungen an der Giebelseite steht nämlich auf einer beträchtlichen Erhebung des Dorfes.

Eigentlich ist dies eine Kapellensituation. Und hier droben stand wirklich einmal eine (spätromanische) Kapelle. Sie ist jetzt in die Gesamtkirche integriert und bildet deren Chor.

Das Besondere dieses kleinen Gotteshauses liegt in der architektonischen Spannweite und in der in verschiedenen Stilen ausgetragenen Spannung — und das auf engstem Raum. In die Romanik zurück reicht auch der untere Teil des Ostturmes, mit seinen Buckelquadern. Der obere Teil, mit gotischem Satteldach, wurde, zwei dort sichtbaren Jahreszahlen zufolge, 1534 und 1574 gebaut. Die heutige Kirche im Rokokostil entstand 1725. Die Inschrift über dem Westportal stammt sicher auch aus dieser Zeit: »Das Deine Augen ofen stehen über dis Haus Nacht und Tag über die Stette da Von du gesagt hast Meine Name soll das sein Du wollest Hoeren das Gebett das dein Knecht an dieser Stette Thut«.

 

Die Glocken

 

Von den beiden Glocken der Michaelskirche wurde die große Glocke im Dritten Reich zu Kriegszwecken eingeschmolzen und am 18. Februar 1950 wieder durch eine neue ersetzt. Diese stammt aus der Glockengießerei Kurtz in Stuttgart und wiegt 260 kg. Sie trägt den Spruch: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“.

 

 

Die kleine Glocke Ist eine Avemergen-Glocke, eine Rarität, wie sie im süddeutschen Raum wahrscheinlich nur noch in Hallwangen bei Dornstetten zu finden ist. - Der Mühlheimer Grundschullehrer und Historiker Reinhard Caspers führt dazu aus:

 

„Ein besonderes Kleinod unter den Kirchenschätzen stellt die Avemergen-Glocke im Turm dar. „Mergen“ ist ein alter Name für Maria, wie er in den Ortsnamen St. Mergen und Bad Mergentheim noch zu finden ist So heißt Avemergen (Ave-Maria) übersetzt „Gegrüßet seist Du Maria!“. Mit einer solchen Angelusglocke wird bis heute morgens, mittags und abends der „Engel des Herrn“ geläu­tet. Das Geläut soll die Menschen dreimal täglich an die Menschwer­dung Christi erinnern. Prälat Walter Bilger aus Sigmarswangen datiert die Entstehung der Glocke um das Jahr 1300 oder früher. Sie könnte von der Rottweiler Glockengießer-Familie mit dem Hausnamen »Heinrich der Glogner« gegossen worden sein. Damit gehört die »Avemergen-Glocke« wie die Freiburger »Hosanna-Glocke« (1258 gegossen) und eine Glocke in Dornhan-Weiden zu den ältesten Glocken Deutschlands, wenn nicht Mitteleuropas.“ 

 

Der ehemalige Heilbronner Prälat und profunder Glockenkenner Walter Bilger berichtet einmal von einer Begebenheit in Renfrizhausen:

 

„Als junger Pfarrer im Dekanat Sulz hatte ich Vertretungsgottesdienst in Renfrizhausen. Das Michaelskirchlein von Renfrizhausen liegt direkt unter dem viel bekannte­ren Kloster Kirchberg, heute Heimstatt der Michaelsbruderschaft und des Berneuchener Dienstes. Viel älter als das Klo­ster ist freilich die Michaelskirche auf dem kleinen Hügel am Rande des Klosterberges. Wie der Name zeigt, ist sie eine Gründung der Franken. Mit den Franken kam später auch eine besonders Intensive Marienfrömmigkeit in den Süden unseres Landes. In den fränkischen Bistümern wurde bereits im 13. Jahrhundert das Abendläuten als Ave-Maria-Läuten eingeführt. Dazu beschaffe man sich oft extra Glocken.

 

Ich war an jenem Maimorgen in Renfrizhausen etwas zu früh angekommen. Die Mesnerin erklärte mir noch ihre Glocken. „Das ist die „Avemergen-Glocke", sagte sie. Ich fragte noch einmal nach. Hatte ich nicht rich­tig gehört? „Avemergen", sagte sie betont. „Ich läute mit ihr das Avemergen, wenn es dunkel wird“ 

 

Inzwischen läutete sie auch zu­sammen zum Gottesdienst und ich konnte nicht mehr weiterfragen. Als ich mich von ihr verabschiedete hakte ich noch einmal nach: „Haben Sie wirklich ge­sagt: „Avemergen"? „Ja, was denn sonst? So sagt man hier schon immer". Es hat lange ge­dauert, bis ich dem Ausspruch auf die Spur kam. Mergen - das habe ich im Unterland erfahren - ist die fränkische Form von Maria. Der Ausdruck steckt noch in Mergentheim, das einst Mergental – Mariatal - hieß. (Die Alteingesessenen von Mergentheim sangen heute noch so). Ich erinnerte mich dann weiter, daß das Ave-Maria-Läuten Im fränkischen Heilbronn in Ablaßbriefen schon aus dem Jahr 1330 bekannt ist. Der „Mariengruß“ gewann dann auch in den an Franken an­grenzenden Gebieten ab dem 14. Jahrhundert eine zunehmende Bedeutung als abendliches Gebetsläuten.

 

So habe ich mich doch noch einmal für die Glocke In Renfrizhausen interessiert. Sollte das Avemergen wohl „Ave Maria" heißen? Die Glockenschrift be­stätigte mich in der Annahme. Sie heißt auf jener Glocke in Renfrizhausen: MARIA GOTES CELLE HAB IN HUOT WAS ICH IBER SCHELLE.

 

Eine mundartliche Tradition hat sich über die Reformation hinweg jahrhundertelang erhalten. Sie war so beständig wie das Glockenerz. Glocken haben eine doppelte Stimme.“